Kniegelenksverschleiß

Das Kniegelenk ist das größte Gelenk des menschlichen Körpers und unterscheidet sich von anderen Gelenken vor allem durch seinen komplizierten Aufbau. Da kein Formschluss auf Grund der sehr unterschiedlichen Formgebung des Oberschenkelknochens und des Schienbeinkopfes besteht, wird die Stabilität des Gelenkes durch die Seitenbänder, Kreuzbänder und die Muskulatur gesichert.

Die Ungleichheit der knorpelüberzogenen Gelenksflächen des Oberschenkelknochens und des Schienbeines wird durch 2 sichelförmige Knorpel-Scheiben (äußerer und innerer Meniskus) ausgeglichen. In die Sehne des vorderen Streckmuskels ist die Kniescheibe eingelassen, die wie eine Umlenkrolle die Kraft dieses Muskels verstärkt, wodurch enorme Kraftleistungen möglich sind.

 

Bei bestimmten Fortbewegungen, wie beim Gehen über eine steile Stiege oder bei forciertem Laufen reicht die Belastung des Kniegelenkes bis zum 3- bis 7-Fachen des Körpergewichtes. Bewegung und Belastung sind für die Ernährung des Gelenkknorpels unerlässlich, da die ernährende Gelenksflüssigkeit (= Synovialflüssigkeit) dabei in Zirkulation gebracht und in die Gewebsschichten des Knorpel einmassiert wird. Als einziges Gewebe des Körpers ist der Knorpel nicht durchblutet. Die Knorpelzellen produzieren eine Grundsubstanz, die verformbar ist. Dadurch kann Druck verteilt werden, zudem wird die Oberfläche reibungsarm. Zerstörte Knorpelzellen können nicht ersetzt werden. Der körpereigene Ersatz ist nur durch ein Faserknorpelgewebe minderer Qualität möglich.

 

Für eine ungestörte Gelenksfunktion ist die Intaktheit des Gelenksknorpels sowie der erwähnten Bänder und Menisken unerlässlich, weiters auch eine korrekte Beinachse. Das Becken des Menschen ist wesentlich als die Standfläche der Füße, daher steht der Oberschenkel zum Unterschenkel in einem Winkel von 6° nach außen geneigt (= physiologisches X-Bein). Eine Zunahme dieses Winkels (unphysiologisches X-Bein) oder Verminderung (O-Bein) bedeutet eine Mehrbelastung des Gelenkes, die zur vorzeitigen Abnützung führen kann. Achsfehlstellungen, die sich im Wachstumsalter oder nach Knochenbrüchen einstellen können, führen nach langer Zeit ebenso zur vorzeitigen Gelenksabnützung (= Arthrose) wie Schädigungen des Gelenkes durch Entzündungen oder Infektionen.

 

Arthroseveränderungen betreffen nicht nur den Gelenksknorpel, sondern auch die Knochenflächen unter dem Knorpel, die Gelenkskapsel, die Bänder und die Muskulatur und auch die Menge und Qualität der Gelenksflüssigkeit. Aufgrund der Beweglichkeit und Funktion des Kniegelenkes ist dieses bei fast sämtlichen Sportarten besonderer Verletzungsgefahr ausgesetzt.

Chronische Überbelastung führt dazu, dass ab der Mitte des Lebens viele Menschen auch ohne Verletzungen oder Entzündungen in der Vorgeschichte an Arthrosebeschwerden der Kniegelenke leiden. Nach dem 70. Lebensjahr sind 40 % der Menschen und dabei Frauen häufiger von einer Knie-Arthrose betroffen. Einmal aufgetretene Arthrose-Veränderungen sind nicht rückgängig zu machen, allerdings kann durch Veränderung der Belastung und Lebensweise der Verlauf erheblich beeinflusst werden, wodurch viele Menschen mit leichten Arthrosen ohne wesentliche Beeinträchtigung gut leben. Wesentliche vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung einer Arthrose bzw. auch zur Verhinderung des Fortschreitens einer begonnenen Arthrose sind Annäherung an das ideale Körpergewicht, regelmäßige und vernünftige Bewegung, Vermeidung von Spitzen– und Dauerbelastungen sowie Muskeltraining.

 

Günstige Freizeitaktivitäten bzw. sportliche Aktivitäten sind Radfahren, Schwimmen, Golf, Wandern unter Verwendung von Sportstöcken und Gymnastik. Sämtliche Laufsportarten wirken sich meist ungünstig auf den Fortgang einer Arthrose aus. Wesentliches Element der Prophylaxe und Therapie ist die Auftrittsdämpfung durch entsprechende Sohlen oder Einlagen und die Wahl des Terrains bei vielen Sportarten – keine harten Pisten beim Skifahren, Sandplatz beim Tennis u.ä.

Bei fortgeschrittenen Arthrosen sind die Beschwerden zumindest zeitweise so erheblich, dass medizinische Hilfen medikamentöser Art oder der Physiotherapie bzw. physikalischen Therapie intermittierend oder dauernd angewendet werden müssen. Medikamente können eine bestehende Arthrose nicht ausheilen, aber in bestimmten Stadien eine deutliche Linderung der Beschwerden bzw. Verbesserung der Gelenksfunktion bewirken. So zählt die Cortison-Applikation ins Gelenk bei aktiviertem Arthrosestadium weiterhin zur Standardtherapie mit hoher Erfolgssicherheit.

Die Applikation von Hyaluronsäurepräparaten in Injektionsform in das Gelenk hat das Ziel der Stoffwechselverbesserung und Gleitfähigkeit des Knorpels und führt erfahrungsgemäß in den Frühstadien der Arthrose häufig zu anhaltender Verbesserung der Beschwerden. Ähnliches gilt für Präparate, deren Zusammensetzung den Grundbausteinen des Knorpels entspricht (Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat).

 

Operative Eingriffe zur Korrektur von Schäden im Gelenk werden von kleinen Schnitten unter endoskopischer Kontrolle (= Arthroskopie) durchgeführt. Achsfehlstellungen können durch sogenannte Umstellungsoperationen korrigiert werden, bei denen das Gelenk nicht geöffnet wird. Diese Eingriffe müssen rechtzeitig und gut dosiert durchgeführt werden, bevor die Knorpelzerstörung ein zu ausgedehntes Areal erfasst hat.

In fortgeschrittenen Stadien wird eine annähernd normale Beweglichkeit und Belastbarkeit und somit normale Lebensqualität durch den künstlichen Ersatz (= Endoprothese) der abgenützten Gelenksflächen ermöglicht.

Die Knieendoprothetik hat nun eine mehr als 50-jährige Geschichte und die Implantation einer Knie-Endoprothese ist in zahlreichen Industrieländern auf Grund der Erfolge zur häufigsten orthopädischen Operation geworden. Über 80 % der operierten Patienten sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden und die durchschnittliche Standdauer beträgt bei über 90 % der Patienten mehr als 10 Jahre. Wechseloperationen einer Kniegelenksendoprothese zählen heute ebenfalls zu den Standardoperationen und führen bezüglich Belastbarkeit und Beweglichkeit zu ähnlichen Ergebnissen wie eine Erstoperation.

 

Bezüglich der Vorhersagbarkeit des Operationserfolges und der Dauerhaftigkeit einer Methode gibt es derzeit noch keine Operationsmethode, die der Endoprothetik überlegen wäre. Die Methode der autologen Knorpeltransplantation, bei der aus dem Körper entnommene Knorpelzellen im Labor durch Züchtung vermehrt und Wochen später in das Kniegelenk zur Defekt-Sanierung eingebracht werden, bleibt Patienten vor dem 40. Lebensjahr mit umschriebenem Knorpelschaden, wie z.B nach akuten Sportverletzungen, vorbehalten. Die weiter gestreute Anwendung bei Patienten mit fortgeschrittener Arthrose hat bisher keine dauerhaften Erfolge gebracht.

In der Arthroseforschung beschäftigt man sich seit Jahren damit, die molekularen Ursachen der Gelenkszerstörung zu verstehen, neue Diagnosemöglichkeiten zu finden, um Arthrose-Gefährdete frühzeitig zu identifizieren und Therapie im Frühstadium beginnen zu können. Die Entwicklung von Hemmstoffen der knorpelabbauenden Enzyme und von Stimulatoren zur Regeneration von Knorpelgewebe sind Gegenstand intensiver weltweiter Forschungsarbeit.